
(von Marie-Luise Schmand)
"Du machst ja alles an Therapie - wenn du ehrlich bist - in
der
Hoffnung, es bringt etwas."
Marita Kulla, deren Sohn Gavin seit einem
Unfall im Mai 2002 im Wachkoma liegt, lässt nur ein einziges
Kriterium zu: Zeigt die Behandlung bei dem 15-Jährigen keine
Wirkung, ist sie schlecht. Reagiert er positiv, ist sie gut.
Das einfache Schema kann so falsch nicht sein, denn Gavin hat in den
vergangenen Monaten oft positiv reagiert. Die Veränderungen
sind nachhaltig, die Ärzte verblüfft, die Eltern
überzeugt von ihrem Weg: Gavin geht, hält das
Gleichgewicht, steigt Treppen hoch, trainiert auf einem Laufband. Er
isst selbstständig, liebt selbst gemachte Sülze,
verschmäht Bratkartoffeln, erhält nur noch einmal
täglich Sondenkost.
Als er die Reha-Klinik verließ,
wog er 32 Kilo. Heute bringt er 53 Kilo auf die Waage. Gavin benutzt
die Toilette, was Zeit in Anspruch nimmt, aber er braucht kaum noch
Windeln. Er zeigt Gefühle. Langweilt er sich bei der
Logopädie, fällt ihm die Kinnlade herunter. Sein Sohn
will gefordert werden, glaubt Wolfgang Kulla, der mit ihm endlose
Runden durch die Wohnung dreht.
Fortschritte, die im Frühjahr 2002 noch unvorstellbar waren.
Mit ungebremster Wucht war der junge Radfahrer mit dem Kopf auf ein
fahrendes Auto geprallt. Mit dem Schädel ging Gavins erstes
Leben zu Bruch, zurück blieb ein Pflegefall. Seitdem
kämpfen die Eltern mit aller Energie für die neue
Zukunft ihres Sohnes.
Eine stattliche Anzahl von Therapeuten
bemüht sich um Gavin. Marita Kulla zählt das
Wochenpensum auf:
Fünf mal Krankengymnastik, fünf mal
Ergotherapie, drei mal Logopädie, hinzu kommen Reiten und
Schwimmen. Jeder der Therapeuten hat ein Mosaiksteinchen zu Gavins
besserer Verfassung beigetragen, davon sind Kullas überzeugt:
"Es geht nur, wenn man ein vernüftiges Team hat. Es geht nur
in Kombination. "
Damit alle therapeutischen Ansätze sich
verbinden zu einer zielorientierten Behandlung, treffen sich die
Beteiligten einmal pro Halbjahr zu Erfahrungsaustausch und Abstimmung.
Richard de Klein betreut Gavin seit seiner Rückkehr nach Hause
im Mai 2003, ist damit der "dienstälteste" Physiotherapeut.
Vor vier Wochen hat er mit dem Laufband-Training begonnen, die
Belastungsdauer behutsam gesteigert. Der Junge steigt wie
selbstverständlich auf das Laufband, bewegt
eigenständig die Beine. Anschließend braucht Gavin
eine Pause, will sich auf das Bett sinken lassen. "Ne, ne!",
widerspricht de Klein. Gavin reagiert schwerfällig, setzt sich
wieder aufrecht hin, bevor sein Körper wieder zur Seite sinken
will. Gavin könne sehen, fühlen und hören,
erklärt de Klein. "Aber das, was er auditiv wahrgenommen hat,
kann er im Kopf nicht in eine Handlung umsetzen. Man kann ihn nicht
auffordern: Jetzt geh' mal, oder: steh'auf." Jedenfalls jetzt noch
nicht. Der Therapeut meint, es sei an der Zeit, die Ziele
höher zu stecken.
Die Tomatis-Therapie, benannt nach einem französischen
HNO-Arzt, hat den Jungen voran gebracht. Obwohl ihr Ehemann von der
Aussichtslosigkeit des Versuchs überzeugt war, fuhr Marita
Kulla nach Belgien, wo diese Therapieform im Gegensatz zu Deutschland
anerkannt ist. Durch eine gezielte Einflussnahme auf die
unterschiedlichen Funktionsbereiche des Ohres, das als
Gleichgewichtsorgan über das vegetative Nervensystem auch
Muskeln und Motorik beeinflusst, sollen Körperkontrolle und
einzelne Funktionen korrigiert werden. Parallel dazu will man durch die
Anregung des Gehörs im Bereich der schlecht wahrgenommenen
Frequenzen eine Verbesserung der sprachlichen Fähigkeiten
erreichen.
Marita Kulla beobachtete, dass Gavin für diese
"Klangtherapie"
sehr empfänglich ist. Er tat die ersten Schritte.
"Mein Mann
sah nach dem Besuch in Belgien seine beiden Kinder auf sich zukommen.
Er hatte Tränen in den Augen."
Bei Ergotherapeutin Mechthild Wortmann in Bottrop, die mit
der
Tomatis-Methode vertraut ist und sich auf die Arbeit mit Kindern
konzentriert, hat Gavin seither oft über Kopfhörer
gefilterte Mozart-Musik oder gregorianische Choräle
gehört.
"Tomatis bewirkt keine Wunder. Abers es wirkt im
Zusammenspiel mit
anderen Therapien", glaubt die Mutter.
Für die Eltern ist der
Weg das Ziel; jeder Schritt vorwärts zählt. Erst
recht, nachdem Gavin vor einigen Wochen die Silben "Ma-ma"
ausgesprochen hat, und zwar mehrfach hintereinander. Rau und fremd habe
sich die Stimme wohl selbst für seinen Sohn angehört,
vermutet Wolfgang Kulla. "Da ist noch so viel Potential in ihm, das
aktiviert werden kann."
(WAZ Dezember 2004)